Rätselraten um Kim Jong-un: Berichte über eine angeblich schwere Erkrankung des Machthabers aus Nordkorea haben weltweit für Aufsehen gesorgt. Südkorea reagierte am Dienstag jedoch skeptisch auf einen Bericht des US-Nachrichtensenders CNN, wonach sich Kim nach einer Operation in kritischem Zustand befinde.

Es könne nicht bestätigt werden, dass es Anzeichen für ernste Probleme mit der Gesundheit Kims, dessen Alter mangels offizieller Angaben auf 36 Jahre geschätzt wird, gebe, teilte das Präsidialamt in Seoul mit. „Auch gibt es keine ungewöhnlichen Aktivitäten in Nordkorea.“ Das abgeschottete Land hüllte sich wie so oft zuvor in Schweigen, eine unabhängige Überprüfung der Informationen ist nicht möglich.
Auch die chinesische Regierung bestätigte die Mutmaßungen nicht. Er kenne die Quelle der Berichte nicht, erklärte ein Sprecher des Außenministeriums lediglich. China ist der wichtigste Unterstützer und Handelspartner Nordkoreas. Auch Japans Regierungssprecher Yoshihide Suga lehnte eine gezielte Stellungnahme ab.
Sogar „in ernsthafter Gefahr“?
CNN berichtete unter Berufung auf einen nicht namentlich genannten Regierungsbeamten, es gebe geheimdienstliche Hinweise, dass Kim „nach einer Operation in ernsthafter Gefahr“ sei. Die auf Nachrichten aus Nordkorea spezialisierte Internetzeitung „Daily NK“ in Südkorea meldete, Kim sei am 12. April am Herzen operiert worden. Nach einem Eingriff erhole er sich aber wieder in einer Villa am nordöstlich von Pjöngjang gelegenen Berg Myohyang.
„Daily NK“ beruft sich auf einen Informanten innerhalb Nordkoreas. Dieser nehme an, dass der Eingriff aufgrund mehrerer Faktoren nötig gewesen sein könnte – Kims Übergewicht, Rauchgewohnheiten und „Überarbeitung“ eingeschlossen.
Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap zitierte einen Beamten des Präsidialamts in Seoul mit den Worten, Kim halte sich zwar außerhalb Pjöngjangs auf, er scheine aber normal zu arbeiten. Auch die Angaben von „Daily NK“ über Kims Aufenthaltsort wurden demnach infrage gestellt.
Abwesenheit verwundert
Zuletzt hatte Kims Abwesenheit von einer Zeremonie zum Gedenken an seinen 1994 gestorbenen Großvater und früheren Staatschef Kim Il-sung am 15. April Spekulationen über seinen Gesundheitszustand ausgelöst. Nach Angaben des Vereinigungsministeriums in Seoul war es das erste Mal seit seiner Machtübernahme Ende 2011, dass er einen Besuch des Mausoleums am Geburtstag Kim Il-sungs verpasste, wo die einbalsamierten Leichen des Großvaters und seines Vaters Kim Jong-il liegen. Eine Erklärung aus Pjöngjang dazu gab es nicht.
Noch am 11. April hatte Kim Jong-un bei seinem bisher letzten öffentlichen Auftreten ein wichtiges Parteitreffen in Pjöngjang geleitet. Dabei hatte er seine einflussreiche Schwester Kim Yo-jong erneut auf eine höhere Position im Führungszirkel der Arbeiterpartei befördert. Zudem wurden dabei härtere Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie beschlossen. Pjöngjang, das seine Grenzen zu China im Kampf gegen das Virus völlig geschlossen hat, hat bisher keine Infektion gemeldet.
Trotz der Zweifel an den Berichten zu Kims Zustand blieb die Lage zunächst unklar. Man dürfe nicht erwarten, dass Nordkorea „irgendeine Herzoperation bestätigt“, schrieb die Expertin Jean H. Lee vom amerikanischen Wilson Center auf Twitter. „Nordkorea räumte niemals einen Schlaganfall oder ein Koma beim Vater Kim Jong-il ein.“ Dies sei erst durch einen französischen Arzt geschehen, der den Ende 2011 gestorbenen Kim Jong-il in Pjöngjang behandelt habe.
Die Probleme in Zusammenhang mit der Berichterstattung über innere Vorgänge in Nordkorea illustrierte am Dienstag auch eine Entschuldigung der Journalistin Katy Tur von NBC News. Sie habe ihren Tweet, wonach US-Beamte gesagt hätten, Kim sei hirntot, aus übergroßer Vorsicht wieder gelöscht, schrieb sie. „Warte auf mehr Infos. Entschuldigung.“
Für Ersatz ist gesorgt
Als Kim im Oktober 2014 wochenlang von der Bildfläche verschwunden war, hatte es ebenfalls Gerüchte über seine Gesundheit gegeben. Der südkoreanische Geheimdienst nahm damals an, dass Kim wegen einer Zyste im rechten Sprunggelenk operiert worden und deshalb verschwunden gewesen sei.
Südkoreas Regierung geht davon aus, dass Kim seine Position in den vergangenen Jahren gefestigt hat. Dazu gehört auch, dass er eine Reihe von Vertrauten einschließlich seiner jüngeren Schwester um sich geschart hat. Beobachter in Südkorea gehen mittlerweile davon aus, dass Kim Yo-jong die Staatsgeschäfte ihres Bruders fortführen könnte, sollte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr regierungsfähig sein oder sogar sterben. Die Macht im Land liegt seit mehr als 70 Jahren in den Händen der Kim-Dynastie.
Nordkorea, die große Unbekannte
„Niemand weiß, was in Nordkorea vor sich geht“, schrieb Martyn Williams, der für die renommierte US-Website 38 North arbeitet, auf Twitter. Kims Vater Kim Jong-il sei bereits mehrere Tage tot gewesen, bevor sein Tod offiziell bekannt gegeben wurde. Die Nachricht habe damals alle überrascht. „Kim Jong-un galt schon früher als ‚vermisst‘ und ist immer wieder aufgetaucht.“ Trotzdem sei seine aktuelle Abwesenheit bemerkenswert.
Ein weiterer anerkannter Korea-Experte, der anonym bleiben wollte, bezweifelte die Darstellung in dem CNN-Bericht. Ein Durchsickern solcher als streng geheim gehandhabten Informationen sei unwahrscheinlich.
Sollte Nordkorea mangels Führer, auf den das gesamte politische System ausgerichtet ist, und Machtvakuum in Instabilität abgleiten, wäre das mit erheblichen internationalen Konsequenzen verbunden.
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